Therapie ohne Koffer – von Problemlösung zu Selbstbegegnung

Ich habe meine erste Therapie mit Ende 20 begonnen.
Das ist inzwischen 30 Jahre her.

Dazwischen lagen viele Gespräche, viele Ausbildungen, viele innere Prozesse.
Und immer wieder tauchte eine leise Frage auf:

Wie viel hat sich eigentlich wirklich verändert?

Wenn ich ehrlich bin, gab es Zeiten, in denen ich dachte:
Sollte nicht irgendwann alles „gelöst“ sein?
Sollte ich nicht weniger Probleme haben?
Leichter sein? Freier?

Vielleicht war da auch in mir lange die Hoffnung:
Wenn ich genug verstehe, genug bearbeite, genug transformiere –
dann gibt es irgendwann keinen inneren Koffer mehr.

 
 

Die Schildkröte mit dem Koffer

In meiner Wohnung hängt ein Bild:
Eine Schildkröte, die auf ihrem Panzer einen Koffer trägt.

Lange war das für mich ein stimmiges Symbol für Therapie.
Da ist etwas, das ich trage –
und in diesem Koffer ist Schmerz, Geschichte, Unverarbeitetes.
Die Aufgabe schien klar:
Den Koffer entleeren.
Oder noch besser: ihn loswerden.

Heute merke ich:
Dieses Bild passt nicht mehr.

Nicht, weil es keinen Schmerz mehr gibt.
Nicht, weil alles leicht ist.

Sondern weil ich keinen Koffer mehr loswerden muss.

Da ist nur noch die Schildkröte.
Und sie trägt ihr Haus nicht als Last –
sondern als Natur.

Vielleicht verschenke oder verkaufe ich das Bild.
Nicht aus Ablehnung.
Sondern weil es nicht mehr meiner inneren Wahrheit entspricht.

Was hat sich wirklich verändert?

Wenn Veränderung bedeutet:

  • Keine Konflikte mehr

  • Kein Schmerz mehr

  • Keine Unsicherheit mehr

  • Keine alten Muster mehr

… dann wäre die Bilanz ernüchternd.

Aber das ist nicht die Veränderung, die stattgefunden hat.

Die Veränderung liegt woanders.

Ich bin mir sicher:
Vor 30 Jahren hätte ich nicht den Austausch führen können, den ich heute führen kann.
Nicht mit dieser Tiefe.
Nicht mit dieser Differenziertheit.
Nicht mit dieser inneren Stabilität.

Ein wichtiger Moment war, als mir jemand vorschlug, meine Begleitung nicht „Begleitung“, sondern Selbstbegegnung zu nennen.

Damals konnte ich das nicht.
Es fühlte sich zu groß, zu direkt, vielleicht auch zu ungeschützt an.

Drei Monate intensiver Gespräche später konnte ich es.
Nicht als Konzept.
Sondern als innere Wahrheit.

Da war Entwicklung sichtbar.

Therapie als Reifung der Haltung

Vielleicht geht es in Therapie nicht darum, Probleme zu beseitigen.
Sondern Kapazität zu entwickeln.

Kapazität für:

  • Wahrheit spüren, ohne zusammenzubrechen

  • Schmerz halten, ohne in Schuld zu flüchten

  • Verantwortung übernehmen, ohne Selbstverachtung zu erzeugen

  • Wandel zulassen, ohne Kontrollverlust als Vernichtung zu erleben

Diese Fähigkeiten entstehen nicht durch Einsicht allein.
Sie entstehen durch Beziehung.
Durch Kontakt.
Durch das wiederholte Erleben von:

Ich fühle – und ich überlebe.
Ich bleibe – und ich zerfalle nicht.
Ich sage Nein – und verliere nicht die Verbindung.

Im Kleinen beginnt es.
Mit jedem Annehmen – auch des Widerstands.
Mit jedem „Ja“ zu dem, was gerade ist.
Mit jedem „Nein“, das nicht mehr als Bedrohung erlebt wird.

Und irgendwann wird aus Übung Haltung.

Von Problemlösung zu Selbstbegegnung

Früher fragte ich:
Was muss weg?

Heute frage ich eher:
Wie begegne ich dem, was da ist?

Das ist kein Rückschritt.
Es ist eine Verschiebung der Perspektive.

Annehmen heißt nicht, nie wieder etwas verändern zu wollen.
Es heißt nur:
Nicht aus Kampf verändern.

Nicht aus Mangel handeln.
Nicht aus Selbstablehnung entwickeln.

Sondern aus Kohärenz.

 
 

Therapie ohne Koffer

Vielleicht ist Therapie in ihrer reifsten Form genau das:

Nicht das Entfernen des Leids.
Sondern das Wachsen der Fähigkeit, es zu halten,
ohne sich selbst zu verlieren.

Nicht die Beseitigung von Vergangenheit.
Sondern die Integration der eigenen Geschichte
in eine größere Gegenwärtigkeit.

Nicht das Ziel, irgendwann „fertig“ zu sein.
Sondern die Bereitschaft, sich immer wieder neu zu begegnen.

Ohne Koffer.
Ohne Flucht.
Ohne Selbstverurteilung.

Nur als Schildkröte.
Mit Haus.
In Bewegung.

Nachtrag: Die Schildkröte darf bleiben

Das Bild der Schildkröte mit dem Koffer auf dem Rücken.

Ich habe überlegt, es zu verschenken.
Oder zu verkaufen.
Es fühlte sich an wie ein Relikt einer alten Haltung.

Doch in der Auseinandersetzung wurde etwas klar:

Es war kein Bild der Last.
Es war ein Bild meines damaligen Verständnisses.

Und dieses Verständnis hat mich getragen.

Ich habe das Bild wieder aufgehängt.

Nicht aus Festhalten.
Nicht aus Nostalgie.

Sondern als Würdigung.

Es erinnert mich daran,
wie ich einmal gedacht habe.
Wie ich gewachsen bin.
Und dass Entwicklung nicht bedeutet,
das Alte zu verwerfen –
sondern es einzuordnen.

Wenn ich es jetzt ansehe,
ist da kein Ziehen mehr.
Kein Auftrag.
Keine Aufgabe.

Nur Frieden.

Und vielleicht ist das auch Integration:
Dass nichts entfernt werden muss,
um weiterzugehen.

Die Schildkröte darf bleiben.