Du bist nicht das, was erklingt – du bist die Fähigkeit, dass Klang entstehen kann
Ich habe kürzlich mit inneren Bildern experimentiert – genauer gesagt mit einem Wassertropfen. In der Imagination wurde er zur Projektionsfläche meines Bewusstseins: zunächst rund, ruhig, unberührt. Dann „sandte“ ich Hass. Seine Form wurde gestreckt, verzerrt. Ich fragte mich: Nimmt er den Hass auf?
Mein Gefühl war: Nein. Er verändert seine Form, aber nicht seine Substanz. Liebe hingegen ließ ihn unverändert. Und in der Neutralität – in der stillen Präsenz jenseits von Hass oder Liebe – begann plötzlich Bewegung. Kleine Tropfen entstanden, wie durch ihn hindurch geboren. Aus der Stille, nicht aus der Intention.
Es war, als würde der Tropfen aus sich heraus in Bewegung kommen.
Später beobachtete ich, wie sich meine eigenen inneren Hass- und Liebe-Teilchen zu Kugeln formten – scheinbar identisch. Diese Gleichheit irritierte mich. Sollte Liebe nicht „besser“ sein? Doch beide Kugeln waren Formen – keine Wahrheiten. Es war die Neutralität, die Bewegung ermöglichte, nicht die moralische Bewertung.
Ich begann zu begreifen:
Was sich verändert – Form, Emotion, Bild – ist nicht das, was bleibt.
Was bleibt, ist das Feld, in dem all das überhaupt möglich ist.
Wie eine Klangschale, die die Fähigkeit hat, zu klingen.
In einem anderen Moment, tiefer in der Stille, spürte ich:
Wenn ich mich nicht mehr mit der Musik meines inneren Zustands identifiziere,
bin ich zugleich winzig klein – und unermesslich weit.
Nicht, weil ich nichts bin.
Sondern, weil ich nicht mehr nur das bin, was erklingt.
Ich bin die Fähigkeit, dass Klang entsteht.
Nicht die Melodie. Nicht die Dissonanz.
Ich bin der Raum, in dem sie erklingen dürfen.
Diese Einsicht ist für mich keine spirituelle Abstraktion.
Sie ist eine Rückkehr – in den neutralen, klaren Raum, in dem
sich alles zeigen darf, ohne dass ich es werden muss.
Nicht Gleichgültigkeit im Sinne von „egal“.
Sondern gleich-gültig im tiefen Sinn:
Alles darf sein – nichts muss bleiben.
Und vielleicht gilt das nicht nur für Tropfen, Felder und innere Bilder.
Vielleicht gilt es für unser ganzes Leben:
Wir sind nicht unsere Form.
Nicht unsere Geschichte.
Nicht unsere Reaktion auf Liebe oder Hass.
Wir sind der Raum, in dem Leben entstehen darf.
Der Klangraum.
Der Ursprung jeder möglichen Musik.
Du bist nicht das, was erklingt –
du bist die Fähigkeit, dass Klang entstehen kann.